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14 Min. Lesezeit·Zuletzt aktualisiert: 2026-04-07·Italienische Grenzgänger · Arbeitgeber · Grenzgebiet

Besteuerung von Grenzgängern: Leitfaden zum neuen Abkommen Italien–Schweiz

Alles, was italienische Grenzgänger und Schweizer Arbeitgeber über das neue Steuerregime ab 2024 wissen müssen: konkurrierende Besteuerung, Deklarationspflichten und Steuerrückvergütung.

Was ist Grenzgängerarbeit Italien–Schweiz

Ein Grenzgänger ist eine Person, die in Italien wohnt und täglich (oder mindestens wöchentlich) in die Schweiz zur Arbeit pendelt und an ihren Wohnsitz zurückkehrt. Dies betrifft rund 90'000 italienische Arbeitnehmer, die hauptsächlich in den Grenzprovinzen konzentriert sind: Como, Varese, Verbano-Cusio-Ossola und in geringerem Masse Sondrio und Bozen.

Die Besteuerung von Grenzgängern wird durch ein bilaterales Abkommen zwischen Italien und der Schweiz geregelt, das 2023 grundlegend reformiert wurde und ab dem 1. Januar 2024 steuerliche Wirkung entfaltet. Das neue Abkommen ändert das Besteuerungssystem grundlegend: von einem ausschliesslichen Regime in der Schweiz hin zu einer konkurrierenden Besteuerung in beiden Ländern.

Dieser Leitfaden analysiert den neuen Rechtsrahmen im Detail, die Pflichten für Arbeitnehmer und Arbeitgeber, den Mechanismus der Steuerrückvergütung an italienische Gemeinden und die Unterschiede zum alten Abkommen von 1974.

Das neue Steuerabkommen (ab 2024)

Am 23. Dezember 2020 unterzeichneten Italien und die Schweiz ein neues Abkommen über die Besteuerung von Grenzgängern, das von Italien mit Gesetz 83/2023 ratifiziert wurde und am 17. Juli 2023 in Kraft trat, mit steuerlichen Auswirkungen ab dem 1. Januar 2024.

Das neue Abkommen ersetzt schrittweise das Abkommen von 1974 und führt das Prinzip der konkurrierenden Besteuerung ein: Die Schweiz erhebt eine Quellensteuer von bis zu 80 % der normalerweise anwendbaren Steuer, während Italien das Recht hat, dasselbe Einkommen zu besteuern und eine Steuergutschrift zur Vermeidung der Doppelbesteuerung gewährt.

Definition des Grenzgängers im neuen Abkommen

Als «neuer Grenzgänger» gilt, wer in einer Gemeinde wohnt, deren Gebiet zumindest teilweise in einem 20-km-Streifen entlang der Schweizer Grenze liegt, und für einen Arbeitgeber in einer Schweizer Gemeinde innerhalb derselben Zone arbeitet. Der Arbeitnehmer muss täglich an seinen Wohnsitz in Italien zurückkehren.

Altes vs. neues Regime: Was sich ändert

Der Übergang vom alten zum neuen Abkommen stellt einen strukturellen Wandel in der Grenzgängerbesteuerung dar. Hier sind die wichtigsten Unterschiede:

Regime vor 2024 (Abkommen 1974)

  • Ausschliessliche Besteuerung in der Schweiz durch Quellensteuer
  • Keine Deklarationspflicht in Italien auf das Schweizer Arbeitseinkommen
  • Steuerrückvergütung an italienische Gemeinden in Höhe von 38,8 % der Quellensteuer
  • Gültig für alle Grenzgänger ohne zeitliche Unterscheidung

Neues Regime ab 2024

  • Konkurrierende Besteuerung: Schweiz und Italien besteuern beide das Einkommen
  • Die Schweiz erhebt bis zu 80 % der ordentlichen Quellensteuer
  • Italien besteuert das Einkommen mit Steuergutschrift für die Schweizer Steuer
  • Obligatorische Steuererklärung in Italien (Modell 730 oder Redditi PF)
  • Steuerrückvergütung schrittweise reduziert und zum Auslaufen bestimmt

Übergangsregelung: Grenzgänger, die am 31. Dezember 2023 bereits in der Schweiz beschäftigt waren («alte Grenzgänger»), wenden das alte Regime bis 2033 weiter an, sofern sie ein durchgehendes Arbeitsverhältnis in der Grenzzone beibehalten.

Wie die konkurrierende Besteuerung funktioniert

Das neue Abkommen sieht einen präzisen Mechanismus zur Aufteilung der Steuereinnahmen zwischen den beiden Ländern vor:

1

Quellensteuer in der Schweiz

Der Schweizer Arbeitgeber zieht die Quellensteuer vom Lohn des Grenzgängers ab. Der maximale Abzugssatz beträgt 80 % der nach kantonalem Recht normalerweise anwendbaren Steuer (Grenzgängertarif). Die verbleibenden 20 % stellen den Italien vorbehaltenen Anteil dar.

2

Steuererklärung in Italien

Der Grenzgänger muss das Schweizer Arbeitseinkommen in seiner italienischen Steuererklärung deklarieren (730 oder Modell Redditi PF). Das Einkommen wird zum durchschnittlichen Jahreskurs der Agenzia delle Entrate in Euro umgerechnet.

3

Steuergutschrift

Zur Vermeidung der Doppelbesteuerung gewährt Italien eine Steuergutschrift in Höhe der in der Schweiz endgültig bezahlten Steuern. Die Gutschrift darf den Anteil der italienischen Steuer, der auf das ausländische Einkommen entfällt, nicht übersteigen.

4

Freibetrag von CHF 10'000 (abgeschafft)

Der Freibetrag von CHF 10'000 aus dem alten Doppelbesteuerungsabkommen gilt für neue Grenzgänger ab 2024 nicht mehr. Das Einkommen ist vollständig steuerpflichtig.

5

Sozialversicherungsbeiträge

Die in der Schweiz bezahlten AHV/IV/EO- und ALV-Beiträge unterliegen nicht der Doppelbesteuerung. Der Grenzgänger untersteht dem Schweizer Sozialversicherungssystem für die 1. und 2. Säule und kann in die Säule 3a einzahlen, wenn er über AHV-Einkommen verfügt.

Pflichten des Schweizer Arbeitgebers

Der Schweizer Arbeitgeber hat spezifische Verantwortlichkeiten bei der steuerlichen Verwaltung von Grenzgängern:

1

Quellensteuerabzug

Der Arbeitgeber muss monatlich die Quellensteuer vom Lohn des Grenzgängers gemäss dem anwendbaren kantonalen Tarif berechnen und abziehen, maximal zu 80 %.

2

Ausstellung der Jahresbescheinigung

Bis Ende Februar des Folgejahres muss der Arbeitgeber dem Grenzgänger den Lohnausweis und die Bescheinigung der abgezogenen Quellensteuer ausstellen, die für die italienische Steuererklärung benötigt werden.

3

Meldung an die kantonale Steuerbehörde

Der Arbeitgeber meldet der kantonalen Steuerverwaltung die Daten der beschäftigten Grenzgänger, einschliesslich Wohnsitz in Italien und abgezogene Beträge.

4

Wohnsitzüberprüfung

Der Arbeitgeber muss überprüfen, dass der Arbeitnehmer tatsächlich in der 20-km-Zone zur Grenze wohnt und täglich an seinen italienischen Wohnsitz zurückkehrt. Sind diese Voraussetzungen nicht erfüllt, gilt der ordentliche Quellensteuertarif (100 %).

Deklarationspflichten in Italien

Ab 2024 haben neue Grenzgänger auch steuerliche Pflichten in Italien:

Obligatorische Steuererklärung

Das in der Schweiz erzielte Arbeitseinkommen muss im Modell 730 oder Modell Redditi PF deklariert werden, in der Rubrik RC (Arbeitseinkommen) und der Rubrik CR (Steuergutschrift für ausländische Einkünfte).

Umrechnung in Euro

Das Einkommen und die in Schweizer Franken bezahlten Steuern müssen zum durchschnittlichen Jahreskurs der Agenzia delle Entrate in Euro umgerechnet werden (jährliche Verfügung).

Rubrik RW — Steuerliche Überwachung

Wenn der Grenzgänger Bankkonten oder Einlagen in der Schweiz hält (einschliesslich Gehaltskonto), muss die Rubrik RW der Steuererklärung für die steuerliche Überwachung ausgefüllt werden (IVAFE fällig bei einem Durchschnittswert über 5'000 €).

Fristen

Modell 730: bis 30. September des Folgejahres. Modell Redditi PF: bis 30. November. Die Steuerzahlungen (Saldo + Vorauszahlungen) folgen den ordentlichen IRPEF-Fristen (30. Juni und 30. November).

Regionale und kommunale Zuschläge

Das Schweizer Arbeitseinkommen unterliegt auch den italienischen IRPEF-Zuschlägen der Region und Gemeinde, berechnet auf das Gesamteinkommen des Steuerpflichtigen.

Steuerrückvergütung an italienische Gemeinden

Die Steuerrückvergütung (Ristorno) ist ein historischer Mechanismus aus dem Abkommen von 1974: Die Schweiz erstattet einen Teil der einbehaltenen Quellensteuer an die italienischen Wohngemeinden der Grenzgänger zurück. Diese Entschädigung anerkennt, dass Grenzgänger italienische öffentliche Dienstleistungen nutzen, obwohl sie ihre Steuern in der Schweiz zahlen.

Im neuen Abkommen wird die Rückvergütung für «neue Grenzgänger» schrittweise reduziert und für «alte Grenzgänger» bis 2033 beibehalten:

ZeitraumRückvergütungsanteilAnwendbarkeit
Bis 202338,8 % der QuellensteuerAlle Grenzgänger (altes Abkommen)
2024–203340 % der QuellensteuerNur alte Grenzgänger (Übergangsregelung)
Ab 2034Keine RückvergütungDer Mechanismus endet vollständig

Für «neue Grenzgänger» (erstmaliger Arbeitsbeginn ab 2024) ist keine Rückvergütung vorgesehen: Der Ausgleich erfolgt über den Mechanismus der konkurrierenden Besteuerung, der es Italien ermöglicht, das Einkommen direkt zu besteuern.

Doppelbesteuerung: Wie man sie vermeidet

Das Risiko der Doppelbesteuerung ist das zentrale Thema für Grenzgänger. Das neue Abkommen begegnet ihm mit dem Steuergutschriftsmechanismus: Die in der Schweiz bezahlten Steuern (bis zu 80 % der Quellensteuer) sind von der für dasselbe Einkommen geschuldeten italienischen IRPEF abziehbar.

In der Praxis berechnet der Grenzgänger die italienische Brutto-IRPEF auf das in Euro umgerechnete Schweizer Einkommen und zieht dann die endgültig in der Schweiz bezahlten Steuern ab. Ist die Schweizer Steuer höher als die italienische IRPEF (häufig in Kantonen mit hoher Besteuerung), ist die ungenutzte Steuergutschrift nicht erstattbar, kann aber über 4 Jahre vorgetragen werden.

Für alte Grenzgänger im Übergangsregime besteht kein Risiko der Doppelbesteuerung, da das Schweizer Arbeitseinkommen bis 2033 in Italien nicht besteuert wird (vollständige Befreiung).

Achtung: Wenn der Grenzgänger auch italienische Einkünfte erzielt (Immobilien, Kapitalanlagen, Gelegenheitsarbeit), werden diese zum Schweizer Einkommen addiert, um den anwendbaren IRPEF-Grenzsteuersatz zu bestimmen. Dies kann zu einer höheren Steuerklasse und einer höheren Gesamtsteuerbelastung führen.

Praxisfälle

Hier einige typische Szenarien zum Verständnis der Auswirkungen des neuen Abkommens:

Neuer Grenzgänger — Kanton Tessin

ProfilWohnhaft in Como, erste Anstellung in der Schweiz 2024, Gehalt CHF 75'000/Jahr, Arbeit in Lugano.
BesteuerungQuellensteuer TI zu 80 % (~5'800 CHF). IRPEF-Erklärung in Italien mit Steuergutschrift. Geschätzte Netto-IRPEF: ~1'200–2'500 € nach Gutschrift.
HinweisDie Gesamtsteuerbelastung ist durchschnittlich 10–15 % höher als unter dem alten Regime.

Alter Grenzgänger — Übergangsregime

ProfilWohnhaft in Varese, seit 2019 in Mendrisio beschäftigt, Gehalt CHF 85'000/Jahr.
BesteuerungOrdentliche Quellensteuer TI (100 %). Keine Deklarationspflicht in Italien. 40 % Rückvergütung an die Wohngemeinde.
HinweisDas Übergangsregime endet am 31.12.2033. Vorausschauende Planung ist ratsam.

Grenzgänger mit Immobilie in Italien

ProfilWohnhaft in Luino, Arbeit in Locarno seit 2025, Gehalt CHF 68'000/Jahr. Eigentümer einer vermieteten Wohnung in Mailand.
BesteuerungQuellensteuer CH zu 80 % + italienische IRPEF auf CH-Einkommen + Mieteinkünfte. Das Schweizer Einkommen erhöht die anwendbare IRPEF-Stufe auch für Immobilieneinkünfte.
HinweisDie Kumulation der Einkünfte kann den Steuerpflichtigen in eine höhere IRPEF-Stufe bringen.

Grenzgänger jenseits der 20 km

ProfilWohnhaft in Mailand, arbeitet in Zürich mit wöchentlicher Rückkehr.
BesteuerungGilt nicht als Grenzgänger im Sinne des bilateralen Abkommens. Es gilt das allgemeine DBA Italien–Schweiz: 100 % Quellensteuer in CH mit Steuergutschrift in Italien.
HinweisWer jenseits der 20-km-Zone wohnt oder nicht täglich zurückkehrt, profitiert nicht vom Grenzgängerregime.

Praktische Tipps für Grenzgänger

  • Bewahren Sie jeden Monat die Schweizer Lohnabrechnung und die Quellensteuer-Bescheinigung auf: Sie werden für die italienische Steuererklärung und die Berechnung der Steuergutschrift benötigt
  • Überprüfen Sie Ihren Status: Wenn Sie vor 2024 begonnen haben, in der Schweiz zu arbeiten, könnten Sie unter die Übergangsregelung für «alte Grenzgänger» mit Befreiung in Italien bis 2033 fallen
  • Deklarieren Sie Schweizer Konten in der Rubrik RW: Auch ein einfaches Gehaltskonto muss für die steuerliche Überwachung gemeldet werden (IVAFE). Unterlassung kann Sanktionen von 3 % bis 15 % der nicht deklarierten Beträge nach sich ziehen
  • Wenden Sie sich an einen auf Grenzgängerfragen spezialisierten Steuerberater: Die koordinierte Verwaltung Italien–Schweiz erfordert spezifische Kenntnisse in beiden Rechtsordnungen
  • Planen Sie Ihre Säule-3a-Einzahlungen: Als Grenzgänger mit AHV-Einkommen haben Sie Anspruch auf Abzug der 3a-Beiträge in der Schweiz, was Ihre Quellensteuer reduziert
  • Beobachten Sie den CHF/EUR-Wechselkurs: Die Umrechnung zum durchschnittlichen Jahreskurs kann die geschuldete italienische IRPEF erheblich beeinflussen
  • Als «alter Grenzgänger» planen Sie den Übergang zum neuen Regime 2034 frühzeitig: Der Wechsel wird die Gesamtsteuerbelastung erhöhen
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